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Die Predigt zum Friedensgebet (2.2.) von Kreisdechant Jörg Hagemann

Auch an diesem Wochenende sind die Menschen vielerorts wieder für Demokratie und gegen Rechtsextremismus auf die Straße gegangen. In Coesfeld starteten mehr als 650 Menschen in der St.-Lamberti-Kirche mit einem ökumenischen Friedensgebet. Sie entzündeten Kerzen, die sie anschließend mit auf die Demonstration auf den Marktplatz nahmen.

In Coesfeld starteten mehr als 650 Menschen in der St.-Lamberti-Kirche mit einem ökumenischen Friedensgebet.

Nie wieder ist genau jetzt!

Die Predigt zum Friedensgebet (2.2.) von Kreisdechant Jörg Hagemann

Liebe Schwestern und liebe Brüder!

Und Gott erschuf Himmel und Erde. Und Gott erschuf den Menschen und es war sehr gut. Wie oft haben wir diese Worte gehört! Gott erschuf den Menschen, nicht die jungen, gesunden und mir so wohlbekannten Menschen aus Deutschland und Westeuropa, aus Coesfeld und meiner Nachbarschaft. NEIN! Gott erschuf ALLE Menschen, wo immer sie geboren wurden, wie immer sie in ihrem Leben, in ihrer Religion, in ihrer Sexualität und in ihren Träumen orientiert sind. Gott erschuf nicht NUR die mir bekannten Menschen, er erschuf nicht NUR Menschen mit den mir bekannten Religionen und Sozialisationen. Und es ist gut, dass Gott die Menschen so bunt, unterschiedlich und vielfältig geschaffen hat. ES WAR SEHR GUT, so heißt es in der Lesung aus der Genesis, die wir gerade gehört haben.

Das glauben wir, die wir hier in der Lambertikirche und gleich auf unserem Coesfelder Marktplatz zusammengekommen sind. Darauf fußt unsere christliche Religion, unser humanistisches Weltbild! Dafür steht auch die Stadt und der Kreis Coesfeld, in der Menschen aus so vielen Nationen und Religionen, teils seit Jahrzehnten, leben. Daran glaube ich und dafür stehe ich hier – auch ganz persönlich. „Als Gottes Ebenbild schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie“, so heißt es in der Lesung!

Liebe Schwestern und Brüder,

Ich merke, dass ich wirklich müde werde, dass ich es satt habe, immer wieder explizit für Frieden, Toleranz, Dialogbereitschaft, Fremdenfreundlichkeit und die unantastbare Würde eines jeden Menschen eintreten zu müssen. Ich habe die Nase wirklich voll. Und doch, es braucht angesichts von Menschen, die sich zusammen tun um über die millionenfache Deportation von ihnen unangenehmen und angeblich undeutschen Menschen zu diskutieren, einen ganz neuen deutlichen aus tiefsten Herzen kommendes Einsatz für: Frieden, Toleranz, Dialogbereitschaft, Fremdenfreundlichkeit. Das muss uns Christeninnen und Christen doch selbstverständlich sein!!!

“Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt es im unveräußerlichen ersten Artikel des Grundgesetzes. Und das macht doch eigentlich alles – auch politisch – unverrückbar klar und deutlich. Oder?

Leider nicht, wenn wieder geschrieben und gesagt wird: (Zitat) „Immerhin haben wir jetzt so viele Ausländer im Land, dass sich ein Holocaust mal wieder lohnen würde.“ (Zitat Ende)

Dem müssen wir widersprechen. Laut widersprechen. Denn: Wir glauben, dass es gut ist, dass Gott alle Menschen, so bunt wie sie sind, geschaffen hat. Und deswegen darf dieses unsägliche Reden nicht unwidersprochen bleiben.

Vorbilder für unseren Widerspruch können Hans und Sophie Scholl sein, die vor mehr als 80 Jahren hingerichtet wurden. Sie setzten sich ein für Zivilcourage, ein offenes Herz und einen offenen Verstand. Für die Menschlichkeit und Menschenwürde in ihrer Zeit. Im ersten von sechs Flugblättern der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ heißt es: Zitat: „Daher muss jeder einzelne seiner Verantwortung als Mitglied der christlichen und abendländischen Kultur bewusst in dieser letzten Zeit sich wehren, soviel er kann. (…) wider den Faschismus (…). Leistet (…) Widerstand -, Widerstand, wo immer ihr auch seid(…)“ (Zitat Ende). Auch wenn diese Worte mehr als 80 Jahre alt sind. Diesem Beispiel folgend, sind wir auch heute nachdrücklich aufgefordert, ermutigt und ja, auch ein Stück verpflichtet, zur Zivilcourage. Wir sind aufgefordert, uns einzusetzen für Menschenwürde und Gerechtigkeit! Weiter heißt es am Ende des fünften Flugblattes: „Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten, das sind die Grundlagen des neuen Europa.“ Das sind mutige und so wichtige Worte. Worte, auch für uns heute hier in Coesfeld. Worte, die uns nicht schweigen lassen, wenn wir im Arbeitsumfeld, der Nachbarschaft, in Familie und Freundeskreisen, bei Parties, im Bus, Zug, Supermarkt, der Innenstadt oder im Park hören, wie Menschen klein gemacht, ausgegrenzt und entmenschlicht werden. Gottes Schöpfung ist vielfältig und bunt.

Gott liebt ALLE Menschen!!! (PAUSE)

Und darum müssen wir uns als Christinnen und Christen, als Menschen guten Willens in Coesfeld und in Deutschland, in der ganzen Welt immer wieder dafür einsetzen, die gefährdeten Werte und unsere Demokratie zu schützen.

Wir dürfen eben nicht weghören, wenn es wie vor Jahren hieß: Zitat:, „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben" Zitat Ende. Wir dürfen nicht weghören, wenn Inklussionsprogramme für Menschen mit Handikaps als Idiologieprojekte bezeichnet werden, von denen unser Bildungssystem befreit werden müsse.

Dann kann man es nicht unkommentiert stehen lassen, wenn Sätze fallen wie, Zitat: „Ladet sie (gemeint war (Lautschrift: Eidan Ösus), die heutige Vizepräsidenten des Bundestages Aydan Özoğuz) mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können." Zitat Ende. Schwestern und Brüder, es muss deutlich und laut gesagt werden: Das ist mit der Botschaft eines Gottes, der jeden Menschen liebt und geschaffen hat – nach Seinem Abbild – unvereinbar.

Dann müssen wir unsere Stimme erheben gegen Äußerungen wie diese Zitat: „Ganz Afrika ist nicht die gesunden Knochen eines einzigen deutschen Grenadiers wert.“ Zitat Ende. Bei Gott gibt es solche Abqualifikationen nicht. Niemand darf einen anderen Menschen in dieser Art und Weise bezeichnen und entwürdigen! Das ist meine feste Überzeugung.

Schwestern und Brüder,

Setzen wir uns ein für einen Frieden in den Herzen aller Menschen! Setzen wir uns ein für einen Frieden in den Köpfen all derer, die um ein Miteinander ringen und auch für einen Frieden bei den Menschen, die sich so schwer damit tun, dass Gottes Schöpfung so bunt ist!

Nie wieder ist jetzt, genau jetzt!!


Foto: Bischöfliche Pressestelle/Michaela Kiepe
06.02.2024

Matomo